Ich renne beinahe die Stufen des Altbaus hinunter, das eingetütete Brautkleid unterm Arm klemmend, die Handtasche über die Schulter werfend und bewusst Luft holend. Zuvor habe ich mich bei Jola herzlich bedankt, insbesondere für den denkwürdigen Abend, der unverlangt mehr Fragen aufwirft als Antworten. Sie hat ihren Willen bekommen: Persönliche Abholung des ersteigerten Artikels, meine grobe Vita mit einigen absichtlichen Lücken und die Anprobe des elfenbeinweißen Kleides in der ehrlichen Größe 40. „Wie die Wege sich kreuzen“, murmele ich, als ich draußen vor der Türe stehe. Ich verharre weitere Augenblicke, um zur Ruhe zu kommen und gehe erst dann zu meinem gegenüber geparktem Auto. Ich muss dringend meinen Denkapparat kalibrieren, brüte ich verwirrt, als ich die Straße überquere. Ja, wirklich: Einer dieser Lebenslauf-Lücken hat vorhin im Türrahmen gestanden.

„Schöner Käfer“, höre ich plötzlich hinter mir. Ein neuer Sinnesreiz durch eine altbekannte Stimme dringt an mein Ohr. „Ich hatte früher mehrere Käfer.“ Ich drehe mich um und schaue in sein Gesicht. Ein Gesicht mit einem unverwechselbaren Erkennungsmerkmal: Rechts auf der Oberlippe eine Warze…. wie vor zwanzig Jahren. Unverkennbar Tom. „Ich weiß,“ reagiere ich knapp. Dann reagiere ich völlig unüberlegt und überrasche mich wie so oft selbst: „Lust auf eine Probefahrt?“

„Wenn ich den Schlüssel bekomme.“ Das war keine Frage, sondern eine Aussage mit Blick auf meine Hand. „Ganz der alte, freche Charakter,“ entgegne ich und werfe ihm gekonnt den Schlüssel zu. „Wohin soll es gehen?“ frage ich ein bisschen nervös, als er um das Auto schreitet und mir die Beifahrer-Türe öffnet. Im Wageninneren verstecke ich meine wibbeligen Augen hinter der Sonnenbrille. „Lass dich überraschen!“ Seine Antwort kommt aus einem lächelnden Mund.

Ich bekomme während der Fahrt keinen Ton heraus. Er – scheinbar entspannt – am Steuer bittet mich nach einer Weile: „Altes Spiel, Lotti: Mach die Augen zu.“ Das alte Spiel „Nur der Fahrer weiß wohin es geht“ ist also ein Remake, und das fühlt sich nicht an wie aufgewärmte Suppe.. Ich erahne das Ziel, sage aber nix. Kurz vorm Ziel höre ich das Vibrieren meines Smartphones in meiner Handtasche ignoriere es, völlig wertfrei. Lotti ist beschäftigt.

Blicke ich im Geiste von oben auf die Route, die der rote Käfer nimmt, gerate ich in Aufregung. Ich sehe uns die Alleen befahren, die verwinkelten Straßen, gesäumt von alten Prachtbauten nehmen und die leicht bergauf führende Serpentine überwinden. „Jetzt kannst du die Augen wieder öffnen.“

Ziel: Ganz oben. Ich springe aus dem Auto. Obwohl geistig voraus gesagt, bin ich aus dem Häuschen. Gucke vermutlich blöd aus der Wäsche. Blöd, aber spontan happy.

Ich stehe beeindruckt dort oben auf dem Aachener Lousberg* und erlebe ein inneres Gewitter! Es blitzt und donnert im Körper. Ich blicke völlig überwältigt vom höchsten Punkt Aachens hinab auf die Innenstadt. Im Mittelpunkt der best ever Dom! Dieser Flecken hier oben war immer mein Lieblingsplatz gewesen. Ich prüfe daher automatisch alle Himmelsrichtungen, die vielen Hauptstädte und deren Entfernungen, die mir die Bronzeplatte am Aussichtspunkt zeigt. Da drüben liegt Belgien, sinniere ich und schaue in die Weite über die tiefer liegenden Bäume hinweg. Ah, auch die Niederlande grüßt von rechts. Noch 196 Kilometer bis Amsterdam. Knapp über 600 Kilometer bis Berlin! Die konkrete Zahl ist verblasst! Tom steht geduldig neben mir und blickt auf die Stadt hinunter.

Ein wahrer Throwback überfällt mich. Ich kann mich kaum lösen von der Bronzeplatte, die ich mit beiden Händen fest umklammere. Die anderen, vereinzelten Besucher um mich herum verschwinden nach und nach aus meinen Augenwinkeln. Ich verlasse die Gegenwart und erinnere mich an einzelne nette und weniger nette Geschichten, auch an ein paar wenige, unverdaute Altlasten. Mein innigster Wunsch drängt sich wieder auf, nachdem dieser jahrelang in Versenkung geraten ist: mit dem richtigen Menschen (geht´s vielleicht konkreter?), also mit dem richtigen Mann hier an diesem Aussichtspunkt zu stehen und gemeinsam in die gleiche Richtung zu schauen.

„Wir waren hier schon einmal,“ sagt Tom nach gefühlter Ewigkeit. Ich lasse die Ewigkeit noch etwas mehr expandieren, antworte dann mit „Richtig lang her.“

Fortsetzung folgt// Eure Charlotte

*Aachen hat eine ganz besonderes Verhältnis mit dem Teufel: Hatte er doch völlig in Wut verfallen seine prall gefüllten Sandsäcke, die er von der Küste bis hierhin schleppte, an Ort und Stelle ausgeschüttet, nachdem ihn die Bauersfrau darüber aufklärte, dass es noch ziemlich weit zu Fuß sei bis zum Aachener Marktplatz (der damalige höchste Punkt Aachens).Sein Racheplan für die Stadt Aachen war somit missglückt. Warum er sich an Aachen rächen wollte, könnt Ihr googlen. Auf Anfrage erzähle ich es aber gerne! So und nicht anders ist der Lousberg der Sage nach entstanden, auf dem ich momentan meine Fußabdrücke hinterlasse. Ich stehe sozusagen auf Sand und schütte die Altlasten (welche auch immer!) oben drauf. Weg mit dem Müll!

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