@charlotte_schreibt: Plötzlich Camouflage (19)

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„Sind wir ein Stockwerk zu früh rausgehüpft? frage ich nuanciert, als ich auf altbackene Stuhlreihen blicke. Eine Hinweistafel für Besucher hätte eine Überholung dringend nötig, denke ich. „Buchstaben, die noch einzeln zu Wörtern zusammengesteckt werden,“ murmele ich erstaunt. „Für die oberen Etagen haben die städtischen Steuereinnahmen nicht gereicht.“ Tom gibt immer noch keinen Laut von sich, und irgendeine Regung erkenne ich ebenso nicht. Wie zu einer Salzsäule erstarrt steht er da. Ah, eine Bewegung.

Dann endlich nach einer gefühlten Ewigkeit ein paar Worte von ihm: „Wir sind im Erdgeschoss.“ Er deutet mit seiner rechten Hand auf den Eingangs-/Ausgangsbereich.

„Wenn du das sagst, wird es so sein. Aber dann erkläre mir bitte den Farbwechsel der Wände von zeitgemäß schön bis zu aus der Zeit gefallen hässlich. Die Ansammlung von den Requisiten dort drüben, mutmaßlich aus den Achtzigern, ist auch zu erklären. Ich zeige auf die Stuhlreihen. „Es sieht tatsächlich so aus wie in dem Jahr, in dem ich zuletzt hier gearbeitet habe.“

„Darf ich raten? 1988?“ Tom dreht sich zu mir um und blickt mich wie von einer Tarantel gestochen an.

„Ja, ist das so verwerflich? Während du Ratespiele priorisierst, rufe ich schnell mal meinen Vater an. Es scheint später zu werden.“ Ich krame meinen „verlängerten Arm“ hervor. „Kein Empfang,“ stelle ich verärgert fest. „Meine Güte, in welchem Mauseloch sind wir geraten?“

„Lass es uns mal draußen versuchen.“

Sobald wir außerhalb des Gebäudes angekommen sind, erwacht Tom aus der geistigen Starre. „Kein Empfang.“

„Ich vermute, dass die Rotation durch die Stockwerke das Netz strapaziert hat,“ analysiere ich grob. Tom schaut mich nach dieser Schlussfolgerung ungläubig an.

„Ja, komm, wir restarten. Mach schnell.“

So stehen wir am Hinterausgang und versuchen wie leidenschaftliche Schmetterlingsforschende, das kostbare LTE einzufangen. Tom läuft ein paar Schritte den Bürgersteig entlang. „Nix tut sich, rein gar nichts.“

„Okay, vielleicht liegt es am schwindenden Saft. Ich gehe mal zum Auto, dort liegt meine Powerbank zum Nachladen.“ Tom, so habe ich den Eindruck, lächelt mich an. Oder will er mich auslachen. „Hast du eine bessere Idee?“

„Dein Auto ist weg.“

„Wie, mein Auto ist weg?“

Es sehe einige Wagen geparkt, aber nicht meinen Käfer. Stattdessen alte, eckige Schrottmühlen und keinen aufgeplusterten SUV, neben dem ich vorhin knapp, aber erfolgreich geparkt habe.

„Alles dabei: eine Ente, ein Audi 80 und dort weiter hinten ein weißer Golf. Kein GTI, sondern ein wirklich altes Modell.“

„Wo ist mein Auto????“

Eine Gruppe von jüngeren Passanten, womöglich Bahnreisende, schauen argwöhnisch in unsere Richtung. Ich erwidere mit ebenso argwöhnischem Gesichtsausdruck. Wer trägt heutzutage noch seine Koffer? kommt es mir nebensächlich in den Sinn. Tom schreitet inzwischen jeden der geparkten Autos ab und mustert die Kennzeichen. „Ist das jetzt wichtig? Das Abschreiten fremder Wagen?“

„Ja, Lotti, es ist sogar existenziell.“

Was redet er da? Ich beobachte, wie Tom sich der Beifahrertür des weißen Golfs nähert, um einen Blick ins Innere zu werfen. „Bringt uns das weiter? Ich muss zur Polizei. Mein Käfer wurde offensichtlich gestohlen.“

„Offensichtlich nicht.“

„Wie bitte? Sprich klar zu mir.“

„Dann komm her und sieh selbst.“

„Eine Zeitung. Es ist die Aachener Volkszeitung,“ stelle ich Augen zusammenkneifend fest.

„Schau auf das Datum und vergleiche es mit deinem Umfeld“, ruft Tom völlig aus dem Häuschen jetzt. „Was ist jetzt deine Schlussfolgerung?“

Ich zögere und bemerke leise: „So rein situativ?“

„Ja, meinetwegen si-tua-tiv!“

Ich kann es nicht aussprechen. Heute, also heute heißt die Zeitung nur noch Aachener Zeitung, denke ich rational.

„Wir gehören nicht hierhin,“ hilft mir Tom weiter auf die Sprünge. Sein junggebliebener Charme macht gerade eine Pause. Seine Stimme klingt zittrig, nicht beschwingt. Ich betrachte ihn und lächle ihn plötzlich an. „Doch, wir passen genau hier hin. Alles hat seinen Grund. Nur deine roten Converse Sneaker passen nicht in die Zeit.“

Ich bin in diesem Moment ungewöhnlich ruhig und zeige auf sein Schuhwerk. Er schaut an sich herunter. „Wenn das deine einzige Sorge ist.“ Aber er lächelt, immerhin.

„Wie verhalten wir uns als reifere Personen am 03. September 1988?“ frage ich meine zeitlich veränderte Umgebung. Wir stehen jetzt auf dem Bahnhofsvorplatz, an einer Gruppe von Bronzepferden gelehnt. Ich streiche einem Pferd über desssen glatten, kalten Schweif. „Wir waren zwanzig damals, und diese Pferdehorde war auf der anderen Seite des Platzes zu finden.“

„Du willst hier bleiben? Nicht dein Ernst?“ fragt Tom perplex.

„Wenn wir doch schon mal hier sind,“ sage ich völlig losgelöst und ohne einen aufkommenden Anflug von Raum-Zeit-Inkontinenz. „Ist doch so magisch!“

„Verrückt, Lotti: Tausend magische Fragen offenbaren sich, und du willst hierbleiben? Zeitreisen von Material und Mensch sind wissenschaftlich nicht möglich, also wie oder wodurch sind wir hier? Wie kommen wir zurück? Was um Himmelswillen ist geschehen? Macht dir das keine Angst? Realisiere bitte die Situation!“

„Damit können wir uns doch später befassen“, meine ich beruhigend und bewundere wie hypnotisiert mein Umfeld.

„Du begreifst es nicht. Wir müssen zurück! Wir können hier nicht leben. Nicht mal überleben, denn wir haben kein Geld, keinen Job, kein Zuhause.“

„Sei kein Spielverderber! Wir sind jetzt in einer Zeit, in der die D-Mark als Einheit hinter der Zahl noch was taugt und die Größe 40 eine echte 40 ist. Die Rechtschreibung ist nachvollziehbar und einem vertraut. Und das Gendern spukt nicht mal als Teil von fünfzig möglichen Zukunftsvisionen in der Gesellschaft herum.“ Ich zwinkere ihm mit meinem satirischen Auge zu.

„Was?“

Ich lache aus vollem Herzen und zupfe aus meiner Geldbörse einen Zehnmarkschein. „Alles hat seinen Grund wie gesagt. Tun wir so, als seien wir ein Teil dieser Gesellschaft, tarnen uns für eine Zeitlang als nicht eingeladene und unauffällige Gäste,“ schlage ich vor.

Tom greift in sein flaches Lederportemonnaie.

„Erst lade ich dich zu einem Kaffee ein,“ entgegnet er und zeigt mir eine blitzblanke Fünfmarkmünze.

Fortsetzung folgt

Copyright/ Claudia Buecken

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