@charlotte_schreibt – Der Geschmack der Vergangenheit (9)

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Nun stehe ich unbeweglich da oben auf dem Aachener Lousberg und erlebe ein inneres Gewitter! Es blitzt und donnert in meinem Gehirn. Ich blicke völlig überwältigt vom höchsten Punkt Aachens hinab auf die Innenstadt. Im Mittelpunkt der Dom! Dieser Flecken hier oben war immer mein Lieblingsplatz gewesen, prüfe daher automatisch alle Himmelsrichtungen, die vielen Hauptstädte und deren Entfernungen, die mir die Bronzeplatte zeigt. Da drüben liegt Belgien, sinniere ich und schaue in die Weite über die tiefer liegenden Bäume hinweg. Ah, auch die Niederlande grüßt von rechts. Noch 196 Kilometer bis Amsterdam. Knapp über 600 Kilometer bis Berlin! Die konkrete Zahl ist verblasst! Hmh…

Ein wahrer Throwback überfällt mich, kann mich kaum lösen von der Bronzeplatte, die ich mit beiden Händen fest umklammere. Die anderen, vereinzelten Besucher um mich herum verschwinden nach und nach aus meinen Augenwinkeln. Ich verlasse die Gegenwart und erinnere mich an einzelne nette und weniger nette Stories, auch an ein paar wenige, unverdaute Altlasten. Mein innigster Wunsch drängt sich wieder auf, nachdem dieser jahrelang in Versenkung geraten ist: mit dem richtigen Menschen (geht´s genauer?), also mit dem richtigen Mann hier an diesem Aussichtspunkt zu stehen, jeder ein Piccolo in der Hand und gemeinsam in die gleiche Richtung zu schauen. Hmh…. (noch genauer geht gerade irgendwie nicht, weiß der Teufel* warum.

Ich blicke nach der Uhrzeit, als müsse ich mich intuitiv versichern, dass ich mich zumindest im richtigen Jahr befinde. Das Smartphone blinkt mich warnend an: Termin mit Elfenbeinweiß! Das Kleid, 18 Uhr. Welche Straße? Schnell schaue ich noch mal in der Anzeige nach: Mauerstraße! Ich lächle, denn in dieser Straße gibt es beinahe nur Altbauten und zwar ziemlich schöne. Meine Oma hat mehrere Jahre dort gewohnt. Ich als Klein-Charlotte war ihr Lieblingsbesuch. Eine große Wohnung mit Dachterasse, an der Bahnlinie entlang! Fernsehprogramm mit technischen Störungen. Aber das hat mich nie gestört! Wie lange habe ich nicht mehr daran gedacht? Drei Eishörnchen pro Abend haben wir gefuttert, Bauchweh inklusive und bis Mitternacht Karten gespielt! Hauptsache Erdbeereis an den Wochenenden! Meine Oma hatte immer Vorrat. Ich glaube, ich hole mir später am Abend an einem Kiosk so ein herrliches Eis mit dem Geschmack der Vergangenheit. Ich bin plötzlich in euphorischer Stimmung. Was erwartet mich heute noch? Entspricht das Kleid meinen Vorstellungen? Realität ist ja immer was anderes als ein paar Fotos mit miserablem Blitzlicht! Das Kleid ist gut! Das weiß ich einfach!

*Aachen hat eine ganz besonderes Verhältnis mit dem Teufel: Hatte er doch völlig in Wut verfallen seine prall gefüllten Sandsäcke, die er von der Küste bis hierhin schleppte, an Ort und Stelle ausgeschüttet, als ihn die Bauersfrau darüber aufklärte, dass es noch ziemlich weit zu Fuß sei bis zum Aachener Marktplatz. Sein Racheplan für die Stadt Aachen war somit missglückt. Warum er sich an Aachen rächen wollte, könnt Ihr googlen. Auf Anfrage erzähle ich es aber gerne! So und nicht anders isst der Lousberg der Sage nach entstanden, auf dem ich momentan meine Fußabdrücke hinterlasse. Ich stehe sozusagen auf Sand und schütte die Altlasten oben drauf. Weg mit dem Müll!

Ich fühle mich richtig gut // Eure Charlotte

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